Abgelaufene Lebensmittel: Mindesthaltbarkeitsdatum = Verfallsdatum?

Was ist das denn? Da, ganz weit hinten im Kühlschrank, drückt sich ein Joghurt herum. Okay - der Deckel wölbt sich noch nicht, aber ein Blick auf das Mindesthaltbarkeitsdatum zeigt: Der ist durch! Und zum Verzehr nicht mehr zu empfehlen: Ab damit in die Tonne, oder? Eben nicht, denn das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) ist weder Verfalls-, noch Verbrauchsdatum. Aber wo liegt der Unterschied?
 

Mindesthaltbarkeitsdatum: Qualität zusichern

Das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) ist eine Orientierungshilfe - und seit 30 Jahren in Europa Gesetz: Bis zu diesem Datum garantiert der Hersteller, dass der erwähnte Joghurt - bzw. ein Lebensmittel generell - über bestimmte zugesicherte Eigenschaften verfügt, wie Geschmack, Geruch, Konsistenz, Farbe oder Nährwert. Vorausgesetzt, das Produkt ist ungeöffnet und wurde angemessen gelagert. Was angemessene Aufbewahrungsbedingungen sind, verrät ein Hinweis auf der Verpackung, z. B. zur Lagerungstemperatur: Rechtliche Vorgaben, die Verbraucherzentralen zum Teil als unrealistisch kritisieren - etwa bei Lebensmitteln aus der Kühltheke, ausgewiesen mit +2°C bis +5°C für Fleisch oder Fisch. Diese lassen sich bei vielen Kühlschränken nur einhalten, wenn die höchste, energieintensivste Stufe gewählt wird. Verbraucherschützer fordern, leicht verderbliche Produkte mit Verbrauchsdatum (dazu gleich) zusätzlich mit der Empfehlung auszustatten, das Lebensmittel am Einkaufstag zu verzehren, falls sich die vermerkten Kühlschranktemperaturen im speziellen Haushalt nicht einhalten lassen.
 

Noch gut? Abgelaufene Lebensmittel selbst testen

Zurück zu unserem Joghurt: Sein MHD ist zwar überschritten, aber er stammt aus dem Kühlschrank, wurde also angemessen aufbewahrt. Dass er kein Fall für die Tonne ist, verrät bereits der Begriff Mindesthaltbarkeit - sprich mindestens bis zum aufgedruckten Datum - oder länger haltbar. Wer einmal in Großbritannien eingekauft hat, weiß: Hier heißt es Best before, was das Gleiche meint, aber dies plakativer sagt: Vor dem MHD ist das Produkt am besten - danach lässt die Qualität zugesicherter Eigenschaften fortlaufend nach. In der Regel - O-Ton Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner - ist ein Lebensmittel nach Ablauf des MHD noch mehrere Tage bestens genießbar. Dabei machen eigene Sinne, Nase und Zunge den Gütetest: Sehen, Schnuppern und Probieren lässt selbst beurteilen, ob sich der Joghurt zum Verzehr qualifiziert oder sich durch untypisches Aussehen, Geruch, Konsistenz oder Geschmack outet.
 

Trägt jedes Lebensmittel ein MHD?

Nein - nur solche, deren Eigenschaften sich auch bei längerer Lagerung verändern. Alle anderen sind von dieser Kennzeichnungspflicht befreit. Seit Dezember 2014 sieht die EU-Lebensmittel-Informationsverordnung für folgende Lebensmittel diese Ausnahme vor:

- frisches Obst und Gemüse (auch Kartoffeln, die nicht geschält, geschnitten etc. wurden)

- Weine, Likörweine, Schaumweine, aromatisierte Weine sowie aus Weintrauben oder Traubenmost gewonnene Getränke

- alkoholische Getränke ab zehn Volumenprozent

- Backwaren, die typischerweise innerhalb von 24 Stunden nach ihrer Herstellung gegessen werden

- Essig, Speisesalz, Zucker in fester Form

- Zuckerwaren, die fast ausschließlich aus Zuckerarten mit zugesetzten Aromastoffen und/oder Farbstoffen bestehen

- Kaugummi und ähnliche Produkten zum Kauen
 

Verbrauchsdatum: Schnell Verderbliches kennzeichnen

Lebensmittel, die den Vermerk Verbrauchen bis ... tragen, gehören zur mikrobiologisch schnell verderblichen Kategorie

- wie Hackfleisch oder Frischgeflügel. Sensible Lebensmittel, die anfällig dafür sind, durch Keime zu verderben, die sich innerhalb von wenigen Tagen zügig vermehren - weshalb die Kühlkette beim Transport nach Hause nur kurz unterbrochen werden sollte. Nach Ablauf des so genannten Verbrauchsdatums können Risiken für die Gesundheit drohen. Außer dem vorgeschriebenen Verbrauchsdatum vermerkt der Hersteller auch hier Aufbewahrungsbedingungen wie die Kühltemperatur auf der Verpackung. 


 

Abgelaufene Lebensmittel verkaufen?

Gewusst? Kein abgelaufenes MHD führt per se zu einem Verkaufsverbot, aber Anbieter sind in der Pflicht, sich zu überzeugen, dass abgelaufene Lebensmittel einwandfrei sind. Ein Recht, abgelaufene Lebensmittel zum reduzierten Preis zu erhalten, hat der Verbraucher nicht. In der Praxis werden Preise jedoch meist gesenkt, um Produkte mit abgelaufenem MHD schnell abzuverkaufen, ohne dass eine Frist für diesen Abverkauf existiert. Wie bei Mapalu.de, das Lebensmittel kurz vor und über dem MHD anbietet, um ein Zeichen gegen die Wegwerfgesellschaft zu setzen. Auch bundespolitische Aufklärungskampagnen wie Zu gut für die Tonne setzen sich dafür ein, dass mehr Produkte auf dem Teller statt im Müll landen. Aber was, wenn ich als Käufer ein Lebensmittel mit überschrittenem MHD zurückgeben muss? Das Reklamationsrecht bleibt hier unberührt, sofern umgehend unter Vorlage des Kassenbons reklamiert wird - schließlich sollen abgelaufene Lebensmittel nicht mehr allzu lange gelagert werden! Alles jedoch, was eine Gesundheitsgefahr darstellt, gehört entsorgt: Seriöser Handel wird Ware mit Verfallsdatum bzw. abgelaufenem Verbrauchsdatum nicht mehr anbieten. Fristen, die jeder Lebensmittelproduzent übrigens selbst festlegt, da er die Eigenschaften seiner Produkte - wie Lagerfähigkeit oder Stabilität - am besten kennt, gestützt auf hauseigene Haltbarkeits- und Stabilitätsstudien. Eine große Verantwortung: Geht etwas schief, ist der Hersteller in der Haftung.


 

Bewusst handeln: Ressourcen schonen & sparen 

Durchschnittlich wirft jeder Bundesbürger pro Jahr über 82 Kilogramm Lebensmittel weg - allein im Haushalt. Das sind zwei volle Einkaufswagen - darunter wertvolle, bedenkenlos genießbare Produkte. Aber auch Supermärkte entsorgen abgelaufene Lebensmittel mit überschrittenem Mindesthaltbarkeitsdatum, obwohl diese noch unbedenklich sind. Mehr als nur Geldverschwendung, sondern auch ökologisch-ethisch nicht unproblematisch: Eine Gesellschaft, die Lebensmittel nur produziert, verpackt und transportiert, um sie anschließend wieder zu vernichten, bezahlt das Verschleudern von Ressourcen über kurz oder lang mit Verknappung und Preisanstiegen. Wer Lebensmittel wertschätzt, kann gegensteuern - und bewusster planen, einkaufen und kochen. MHD und Verfallsdatum nicht mehr zu verwechseln, ist ein guter Anfang, Lebensmittelabfall zu vermeiden - und so Geld und Ressourcen zu sparen.